Reinkarnation und Sinn – Teil II

Der Himmel im Wasser von Frauke Teschler

Befasst man sich mit Reinkarnation, ist der Karmagedanke nicht fern. Reinkarnation und Karma scheinen Verbündete zu sein – zumindest in den Augen vieler, die nach Erklärungen für Ereignisse und deren Sinn im jetzigen Leben suchen.

Meist kommt der Gedanke „vielleicht ist das Karma…?“ auf, wenn ein Mensch mit seinem Leben nicht einverstanden ist, nicht versteht, warum Dinge eintreten, die nicht gewünscht sind oder die zufriedene Partnerschaft, finanzielle Freiheit, der erfolgreiche Job etc. ausbleiben.

Es gibt viele Auslegungen des Karmabegriffs, denn das Wort selbst bedeutet lediglich „Wirken“ oder auch „Handlung“. Es hat sich jedoch vor allem die Vorstellung durchgesetzt: „Wenn es heute nicht gut läuft, dann hat das seinen Grund in Verfehlungen oder sogenannten schlechten Taten eines früheren Lebens.“ Karma wird als Strafe, manchmal auch milde ausgedrückt als “Ausgleich” oder als ein Lernauftrag von übergeordneter Stelle betrachtet.

Abgesehen davon, dass sich diese Karmavorstellung in Rückführungen nicht wiederfindet, ist sie für jeden, der wirklich zu sich selbst kommen will, hinderlich. Sie bringt Menschen dazu, ihr Leben als schicksalhaft bestimmt zu verstehen, anstatt hier und heute ihr Lebensglück, ihren Lebenssinn in die eigene Hand zu nehmen. Die Gründe für Erfolglosigkeit werden in eine dubiose Vorzeit geschoben, zu der man keinen Zugang hat. Diese Sicht auf die Wirkungsweise vergangener Leben hat meines Erachtens nichts mit der Realität, nichts mit einem aufgeklärten Denken und mit selbstverantwortlichem Handeln zu tun.

Keine Frage, vergangene Inkarnationen haben Einfluss auf unser heutiges Leben, sonst müssten wir uns gar nicht mit ihnen befassen.

Ich gebe ein Beispiel, bei dem man „Karma“ vermuten könnte. Ein junger Mann hat die Heilpraktikerausbildung abgeschlossen und möchte eine Praxis zu eröffnen. Aber jedes Mal, wenn das Projekt konkret wird, kommt ihm „etwas“ dazwischen. Seine Mutter wird krank und er kümmert sich um sie. Sein Auto fährt nicht mehr und die Anschaffung eines neuen Wagens frisst die Reserven auf, die er zurückgelegt hatte, um die Gründung zu finanzieren. Sein Chef verweigert ihm die Reduzierung seiner Arbeitsstunden, die er beantragt hat, um Zeit für den Praxisaufbau zu haben und so weiter.

Er hat das Gefühl, das Leben will nicht, dass er eine Praxis aufmacht und sucht sich Hilfe. Dabei kommt heraus, dass er in einer Inkarnation schon einmal als Heiler tätig war. In dieser Inkarnation gab es einen „Vorfall“: Er hatte ein schwer krankes Kind behandelt, welches die Krankheit nicht überlebte. Von seiner Umgebung wurde ihm der Tod des Kindes angelastet und auch er selbst hatte „damals“ das starke Gefühl, versagt zu haben und schuldig zu sein. Das Ereignis war in dem vergangenen Leben so belastend, dass er seine Tätigkeit aufgab und an einen anderen Ort zog. Er war weder mit den Anfeindungen seiner Umwelt noch mit dem eigenen Schuldgefühl zurechtgekommen.

Ist das Karma? Muss er im heutigen Leben für den Tod dieses Kindes büßen? Ist es vielleicht sogar so, dass er aufgrund des Ereignisses nicht als HP arbeiten SOLL?

Nein! Ganz falsch, sage ich. Diese Mechanismen gibt es nicht, denn Inkarnationen wirken anders und an dem Beispiel kann man erkennen wie. In der Auseinandersetzung mit dem vergangenen Leben stellte sich heraus, dass die Ereignisse, die er als Hindernis für den Einstieg in die Heilpraktikertätigkeit ansah, eigentlich gar keine echten Hindernisse waren.

Etwas ganz anderes stand ihm im Weg und blockierte ihn dabei, sein Vorhaben voll und ganz durchzuziehen. Er schleppte „ungute Gefühle“ mit sich herum, die ihn zögerlich sein ließen, was die heilerische Tätigkeit und Verantwortung für andere Menschen betraf. Der junge Mann hatte die Inkarnationsereignisse bis zum heutigen Tag nicht überwunden. Sie bremsten ihn auch wie vor.
Er brachte sich die Erlebnisse ins Bewusstsein und fand heraus, dass er gar keine Schuld am Tod des Kindes gehabt hatte. Er konnte es nur nicht retten, nicht etwa weil er falsch behandelt hatte, sondern weil es keine Mittel dafür gab. Die Gemeinschaft hatte jedoch viel von ihm erwartet, weil das Kind ein Hoffnungsträger war und sein Tod nicht hatte sein dürfen.

Von Mal zu Mal verstand er sich und die damaligen Geschehnisse besser und konnte sie mit der Zeit überwinden.

Seine Hemmung kam nicht von außen, sie war keine Strafe und auch keine von irgendeiner nicht genauer zu benennenden Institution erteilte Lernaufgabe. Sie war seine Anbindung an ein altes Erlebnis, welches er nicht vollständig verarbeitet hatte. Die Ereignisse von damals hatten ihn unbewusst gesteuert.

So wirken Inkarnationen, jedenfalls solange man sie nicht kennt. Bringt man sie in Erinnerung, müssen sie kein Schicksal bleiben.

4 Gedanken zu “Reinkarnation und Sinn – Teil II

  1. Moin, moin! 🙂 Vielen Dank für diesen Beitrag, den ich jedoch etwas anders sehe. Man sagt: “Wir begegnen keinem Menschen zufällig” und versuchen damit zu sagen, dass alles einen (höheren) Sinn hat.
    Das vermute ich auch im obigen Beispiel und könnte mir vorstellen, dass alles, was dort geschrieben ist, richtig ist. Ich bin jedoch überzeugt, dass es auch dem HP etwas sagen sollte. Vielleicht sollte es ihm seine menschliche Begrenzung aufzeigen. Er hat sicherlich keinen Behandlungsfehler gemacht. Das unterstelle ich einfach mal, aber auch seine Position war die des Lernenden in dieser Situation, und so ist mMn die Frage zu stellen: “Was hatte er für sich ganz persönlich daraus zu lernen?”

    1. Moin zurück lieber Manfred!
      Ja, sicherlich kann er etwas aus diesem Erlebnis lernen. Was es sein soll, hängt ganz von ihm ab, denn es gibt nicht die Instanz, die entscheidet, was wir lernen sollen. Darum ging es mir in diesem Beispiel.
      Es gibt meiner Erfahrung nach zwei prinzipielle Dinge, die wir in der Auseinandersetzung mit Inkarnationen lernen können:
      1. Die Erlebnisse sind Vergangenheit, heute ist eine ganz andere Situation.
      2. Hätte ich für dieses Erlebnis, das mich bis heute (unbewusst) belastet, schon damals die volle Verantwortung übernommen, wäre ich jetzt frei davon.
      Sprich: wer frei sein will, stellt sich dem Leben.

  2. Karma ist ein für viele theoretisches Konstrukt, das es einfacher machen soll, die Welt und ihre Zusammenhänge zu verstehen und zu handhaben.
    Man kann auch so tun, als ob es Karma wirklich gebe. Man kann daran glauben und man kann es als ein Erziehungs- und Unterdrückungsinstrument für Massen von Menschen nutzen.
    Doch merke: Karma als Solches existiert nicht. Es ist eine Definitionssache und damit gedankliches Konstrukt.
    Welche Form des Karmas jemand bevorzugt, wird offensichtlich durch seine intendierten Absichten bedingt.

  3. Dem Karmagedanken auf den Zahn zu fühlen – finde ich gut! In dem Beispiel ist schlüssig nachvollziehbar, wie sich die Inkarnation auf das Leben dieses jungen Mannes ausgewirkt hat. Und dass das nun wirklich nichts mit Karma zu tun hat! Ich persönlich bin auch in keiner einzigen meiner Rückführungen auf so etwas wie Karma gestoßen. Aber wohl auf viele Anbindungen/Erlebensreste, die bis zum Lösen der jeweiligen Inkarnation mein jetziges Leben beeinflusst hatten. Wie es wohl wäre, wenn ich an Karma geglaubt hätte, anstatt zu klären, woran bestimmte Dinge wirklich lagen? Na, dann würde ich mich wohl immer noch damit rumschlagen müssen. Ich fände das sehr schade!

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